„Es geht nur um den sprachlichen Feinschliff", höre ich oft von Autor:innen, die bei mir ein Lektorat anfragen. Und ich verstehe das total. Nach Monaten oder Jahren an einem Manuskript will man endlich fertig sein und veröffentlichen. Aber ob wirklich nur Feintuning fehlt oder unter der Oberfläche doch mehr Themen schlummern, kann man ab einem gewissen Punkt nur noch schwer selbst beurteilen. Denn früher oder später wird man für seine eigene Geschichte betriebsblind. Deshalb kommt es aufs Manuskript an, ob es wirklich sinnvoll ist, nur auf Sprache und Stil zu schauen oder doch besser erstmal Inhalt, Dramaturgie, Figurenentwicklung und roten Faden zu prüfen. Oder beides. Zwei Manuskripte haben mir das in den letzten Jahren besonders deutlich gezeigt.
Kurzversion: Ob dein Roman ein Inhaltslektorat oder Stillektorat braucht, hängt vom Manuskript ab – nicht von deinem Gefühl. Zwei echte Fälle zeigen: Mal reicht Sprache und Stil, mal muss erst die Struktur stimmen. Weil du selbst betriebsblind wirst, hilft oft nur ein Blick von außen. Ein Probelektorat zeigt dir schnell, was dein Text wirklich braucht.
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Fall 1: Warum diese Autorin nur ein Stillektorat brauchte
Eine Autorin kam mit autobiografischen Texten über ihre Jugend zu mir für ein Lektorat. Prosa, sehr persönlich, mit richtig krassen Erlebnissen, immer wieder verwoben mit fast philosophischen Gedanken. Sie ging damit schon auf Lesungen, ihre Geschichten kamen sehr gut an, und sie überlegte, zu veröffentlichen.
Nach dem ersten Lesen eines Textausschnitts war für mich klar: Inhaltslektorat? Das passte nicht, denn es ging um tatsächlich Erlebtes, was nicht einfach so „prosafiziert" werden konnte. Ich hätte keine Empfehlung aussprechen können, welche Anekdote die Autorin streichen oder wie sie „die Handlung" anders aufbauen könnte. Es gab keine erfundene Handlung und sie wollte auch nichts erfinden oder anpassen. Und Details zugunsten einer runderen Dramaturgie verbiegen? Machte keinen Sinn. Der Inhalt stand also, aber Sprache und Stil durften noch geschärft werden.
Wir entschieden uns für ein erweitertes Stillektorat: Neben Grammatik-, Rechtschreibung- und Kommasetzung ging es der Autorin darum, Dopplungen und Inkonsistenzen aufzuspüren, sprachlich, aber auch inhaltlich. Also: Wo wurden Ereignisse möglicherweise mit anderer Formulierung wiederholt, wo blieb die Autorin inhaltlich zu kurz oder zu vage, wo ging sie eventuell zu sehr ins Detail und veränderte den Fokus? Wo konnten Absätze verschoben oder an den Kapitelanfang gezogen werden, weil sie der spannendere Einstieg waren? Ich kümmerte mich außerdem um Füllwörter und gab Hinweise, wo Schachtelsätze aufgesplittet werden und Passivformulierungen aktiver gemacht werden konnten. Wir ergänzten Details, damit die Erzählung noch anschaulicher wird.
Fall 2: Warum dieser Thriller zuerst ein Inhaltslektorat brauchte
Ganz andere Situation ein paar Wochen später: das Thriller-Manuskript eines Debütautors, den ich auf der Frankfurter Buchmesse kennengelernt hatte. Er wollte veröffentlichen und bat mich um ein Lektorat mit Inhalt und Stil-Check. Was mich sofort begeisterte: das ungewöhnliche Setting in Südamerika. Schon beim Anlesen der Leseprobe dämmerte mir aber, dass Sprache und Stil hier noch gar nicht das Thema waren. Viel wichtiger waren das Fundament, die Figuren- und Handlungslogik, der Spannungsbogen und der rote Faden der Geschichte. Auf Szenenebene genauso wie über die gesamte Handlung hinweg. Auch die Perspektive war streckenweise noch unklar.
Und weil die Geschichte in einem politisch aufgeheizten Setting spielte, gab's etliche Hintergrundinfos zum politischen System und der Vorgeschichte des Landes. Hier waren die wichtigsten Fragen für mich: Was konnte bleiben? Was konnte raus, um die Spannung zu steigern? Was ließ sich idealerweise in die Handlung integrieren? Das durfte als Erstes geklärt werden.
Meine Empfehlung war deshalb: erst die Basics und dann ein Inhaltslektorat, bis die Struktur stabil steht. Denn ganz ehrlich, was bringt es, an Sprache und Stil zu feilen, wenn am Ende ganze Szenen wegfallen, neu dazukommen oder komplett umgeschrieben werden? (Spoiler: Macht für den Autor nur unnötige Arbeit 😀) Außerdem ist ein Roman mit unklarer Perspektive noch nicht lektorierbar. Es würden zu viele Fragezeichen entstehen und der Zeitaufwand im Lektorat wäre immens. Nach einem kurzen Gespräch nahm der Autor das Manuskript nochmal zurück und kümmerte sich um Perspektive und Hintergrundinfos. Dann bekam ich es wieder und machte mich ans Inhaltslektorat. Erst ganz zum Schluss ging es dann an Sprache und Stil.
Warum du deinen eigenen Bedarf kaum einschätzen kannst
Beide Fälle sind für mich ein gutes Beispiel dafür, dass viele ihren Bedarf manchmal ganz anders einschätzen, wenn sie für ein Lektorat anfragen. Sie haben oft monate-, wenn nicht jahrelang an ihrer Geschichte geschrieben und sind logischerweise überzeugt, dass ihr Manuskript nur noch stilistisches Feintuning braucht, weil Aufbau und Struktur schon tragen. Ist ja klar: Oft haben sie das Manuskript mehrfach überarbeitet, zig Ratgeber gelesen, Schreibkurse besucht und kennen das Handwerk. Viele hatten auch Testleser:innen, die durchweg positiv waren. Das kenne ich auch von meinem Roman. Aber das Lektorat war für mich dennoch ein riesengroßer Augenöffner.
Die Sache ist nämlich die: Im Laufe der Zeit, in der man an seinem Roman arbeitet, verliert man peu à peu sein objektives Problembewusstsein für den eigenen Text. Das ist nichts Komisches, sondern ganz normal. Geht allen so. Auch den ganz Großen wie Sebastian Fitzek. Erkennst du dich ein Stück darin wieder? Du kennst deine Geschichte inzwischen so gut, dass du komplett betriebsblind bist. In deinem Kopf weißt du genau, wie sie funktioniert.
Du kennst alle Figurensteckbriefe, alle Twists und Wendungen auswendig und hast jedes Wort schon zig Mal gelesen. Und verlierst dadurch ausgerechnet das Analyseauge dafür, ob sie auch für andere funktioniert. Vor allem wie sie für deine Leserschaft funktioniert. Das ist keine persönliche Schwäche, das passiert einfach, wenn man so nah an einer Geschichte dran ist.
Wenn ich dein Manuskript dann auf dem Tisch habe, habe ich die frischesten Augen. Ich kenne deine Geschichte überhaupt nicht, hab keine Ahnung von den ganzen Plot-Twists und überraschenden Wendungen, die du in monatelanger Kleinarbeit gehirnt und eingebaut hast. Außerdem habe ich als Lektorin beim Draufschauen die Themen Zielgruppenansprache, Genrekonventionen und Markttauglichkeit im Kopf. Deshalb kann ich dir recht schnell eine Rückmeldung dazu geben, welchen Bedarf dein Text wirklich hat.
Bei meinem eigenen Buch habe ich auch monatelang überarbeitet, mit Profi-Testleser:innen und Zielgruppen-Testleser:innen zusammengearbeitet, wirklich akribisch. Trotzdem hat das Lektorat danach noch einige Logik-Baustellen aufgedeckt und ich bin heute noch so froh darüber, denn sonst hätte ich bestimmt die eine oder andere schlechte Rezension bekommen. (Das Lustige ist ja: Wenn jemand Außenstehendes etwas bemerkt, fällt es einem meist wie Schuppen von den Augen. Bei einigen Details konnte ich nur mit dem Kopfschütteln: What?? Hatte ich das wirklich übersehen?)
Inhaltslektorat oder Stillektorat? So findest du es selbst heraus
Vielleicht denkst du jetzt: Oh nein, was, wenn ich auch betriebsblind bin und die Klopper nicht mehr sehe? Hier kommen ein paar Fragen zur Selbsteinschätzung:
🔸 Wie intensiv und wie strukturiert hast du überarbeitet? Nach Gefühl oder nach Plan?
🔸 Hattest du eine intensive Testleser-Runde? Und war das Feedback konkret oder eher nach dem Motto „fand ich nicht so spannend, aber keine Ahnung warum"?
🔸 Kennst du das Schreibhandwerk und weißt, wie man wirklich überarbeitet, über den ersten Impuls hinaus?
🔸 Waren deine Testleser:innen so geschult, dass sie dir konstruktives Feedback jenseits von Bauchgefühl geben konnten?
Wenn du dir bei alldem noch unsicher bist, ist genau diese Unsicherheit oft schon ein sehr hilfreiches Zeichen dafür, wo du ansetzen kannst. Dann würde ich immer raten: Buche dir erst ein inhaltliches, und danach erst das stilistische Lektorat. Du kannst es natürlich auch kombinieren, in einem oder in zwei Durchgängen, je nachdem, was dein Manuskript gerade braucht.
Was das genau ist, findest du meist sehr gut über ein Probelektorat heraus. Mir ist es dabei immer sehr wichtig, eine ehrliche (und natürlich immer konstruktive) Rückmeldung zu geben. Wenn ich noch Überarbeitungsbedarf vor dem Einstieg in ein Lektorat sehe, dann erkläre ich dir, warum, und gebe dir Empfehlungen zur Überarbeitung. Wenn ich den Eindruck bekomme, dein Text braucht vor allem inhaltliche Unterstützung, dann schlage ich dir ein Inhaltslektorat vor.
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Book, book, hurra! Das ist mein Motto als zertifizierte Lektorin, Schreibcoach und Romanautorin. Ich bin davon überzeugt, dass gute Bücher die Welt ein Stückchen besser machen. Deshalb kann es nicht genug davon geben! Seit 2021 helfe ich Autor:innen mit Empathie und Leichtigkeit dabei, Romane zu schreiben, die berühren, mitreißen und im Gedächtnis bleiben. Denn ich möchte, dass noch mehr tolle Geschichten den Weg hinaus aus den Schubladen zu den Menschen finden, glücklich machen und den Alltag vergessen lassen. Wenn ich nicht lektoriere oder coache, schreibe ich selbst Romane und Kurzgeschichten, die von Familienbanden und Freundschaften erzählen, die Geheimnisse und Lügen entlarven und wo Liebe alles verändern kann.
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